Annette Frederking Bildungsarbeit für Mensch und Erde
© Annette Frederking
Eibe in Baruth/ Mark
Schlosseibe in Baruth/ Mark
Die Schlosseibe in Baruth/ Mark Seit mich die uralten Bäume rufen, melden sich auch Nationalerbe-Bäume, die unter einem besonderen Schutz stehen. Jeder von ihnen wird mit einer feierlichen Ausrufungszeremonie als solcher ernannt. So entstand mein Wunsch, einer derartigen Aktion einmal beizuwohnen. Am 10. April 2026 bot sich mit der Ernennung der Schlosseibe in Baruth zum 56. Nationalerbe-Baum eine eine gute Gelegenheit. Jetzt im zeitigen Frühjahr, wo die Laubbäume erst einen Hauch von Grün tragen, konnte die immergrüne Eibe am Schloss Baruth in besonderer Weise hervortreten. Obwohl sie im Schlosspark der älteste Baum ist, überragen die alten Laubbäume ihre ca. 8 m hohe Krone bei weitem. Ihr Alter dürfte ca. 350 Jahre betragen, wobei die Alterseinschätzung schwierig ist, da sie in Teilen ein Wiederaustrieb eines ca. 150 Jahre alten Vorgängerbaumes ist. Der Leiter des Kuratoriums Nationalerbe-Bäume, Prof. Dr. Andreas Roloff, fand diese Besonderheit bei einer eingehenden Betrachtung des Baumes heraus. www.nationalerbe-baeume.de Die Schlosseibe steht auf einer kleinen Anhöhe und über ihrem imposanter Stamm er wurde vor ca. 10 Jahren freigelegt - wölbt sich eine schöne Krone. Dieser exponierte Platz setzt sie sowohl optisch als auch energetisch in Beziehung zum Alten und Neuen Schloss sowie zur Kirche St. Sebastian mit ihren beiden Kirchtürmen. 1670 wurde der Schlossausbau fertiggestellt und 1671 gab es einen Kirchenbrand und der Glockenturm musste zunächst durch einen einfachen Nachfolgebau ersetzt werden. Beides geschah also etwa in der Zeit, als die Eibe gepflanzt wurde. Wie sehr die Stadtgeschichte mit der Geschichte des Baumes verwoben sein mag? Unter der Eibe befindet sich eine Bank und lädt zum Verweilen ein. Lasse ich mich darauf nieder und den Baum zu mir sprechen, so werde ich tief in die Erde geführt, als würde mich gleichsam das weitläufige, tief reichende, starke und dichte Wurzelsystem des Baumes mitnehmen. Obwohl die Eibe als Nadelesche Yggdrasil in der nordischen Mythologie als Weltenbaum den ganzen Kosmos verkörpert und die drei Welten die untere, mittlere und obere miteinander verbindet, erlebe ich die Krone der Schlosseibe wie ein begrenzendes aber auch (be)schützendes Dach. Die Kirche St. Sebastian in Blicknähe ist im gotischen Stil gebaut und ihre Infotafel trägt bezeichnenderweise den Titel „Den Himmel einfangen“. Ich vermute, dass sich in Baruth am Schloss ein weltlich, irdischer Fokus herausgebildet hat und an der Kirche, die leider verschlossen war, ein spirituell/ kosmischer. Beide gemeinsam decken das Potenzial der Eibe als Weltenbaum ab. Im Habitus des Baumes lassen sich interessante Baumgestalten finden: Da steigt eine Schlange aus dem Stamm hervor, blicken zwei Gesichter, die an Echsen erinnern, in entgegengesetzte Richtung oder befindet sich ein Krallenfuß am Baumfuß. Wesenhaftes, was das fantasiebegabte Auge entdeckt, und welches die Verbundenheit mit der Tiefe der Erde zum Ausdruck bringt. Vielleicht ist der kosmische Aspekt direkt unter der Eibe im Sommer besser erfahrbar, wenn sie in der Wärme duftet und dieser Stoff das >Innere Reisen< begünstigt. Die Schlosseibe ist weiblich und unter ihr lagen tausende Samen. Wie sie im Herbst ausgesehen haben muss, als all diese Samen, eingehüllt in einen roten Samenmantel, sie schmückten? Nur dieser rote Samenmantel ist genießbar, alles andere an der Eibe ist giftig und der Verzehr nur weniger Samen kann für den Menschen tödlich enden. Der Schlosspark besitzt mehrere noch jüngere Eiben, so dass ein geeigneter, männlicher Partner sicher in der Nähe lebt. Als Baumart nimmt die Eibe in unserer Region eine Spitzenposition ein, denn sie kann erstaunliche 1500 Jahre alt werden und dies liegt an mehreren Eigenschaften wie ihrer Anpassungs- und Regenerationsfähigkeit, Dürreresistenz, Frosthärte, Schattentoleranz, die sie sehr widerstandsfähig machen. Das Thema der „Resilienz“ bekam unter der Krone der Baruther Eibe durch eine sehr berührende, menschliche Begegnung eine besondere Betonung. Das beobachtete ich jetzt schon mehrfach, dass ich im Wirkungsfeld eines Baumes Begegnungen erlebe, die mir etwas vermitteln, was charakteristisch für die Baumart und/ oder den Ort ist. Als ich zum ersten Mal auf die Schlosseibe zugehe, steht eine ältere Frau mit geschlossenen Augen und völlig versunken unter ihr, mit dem Herzen der Eibe zugewandt. Nach einiger Zeit öffnet sie die Augen und wir kommen in Kontakt. Ich frage sie, was sie so sehr mit dem Baum verbindet. Sie kann mir nicht antworten und gibt mir zu verstehen, dass sie aus der Ukraine stammt. Nun laufen zwei Kinder auf sie zu und sie beginnt ihnen zuzulächeln und deutet an, dass die Kinder uns als Übersetzer dienen können. Ein etwa 12jähriges Mädchen und ein 10jähriger Junge, Geschwister und vermutlich ihre Enkelkinder begrüßen uns freundlich. Sie sind kurz nach Kriegsbeginn nach Deutschland gekommen und gehen hier zur Schule. Das Gesicht des Jungen ist von einer großen Verletzung gezeichnet. Doch er strahlt so ein Licht, soviel Freundlichkeit und Offenheit aus, dass es leicht fällt in einen freudigen Austausch zu kommen. Auf meine Frage zur Eibe und der Beziehung seiner Großmutter zu dieser, sagt er: „Um es mit einem Wort zu sagen: Die Eibe ist einfach SCHÖN!“ Ich erzähle der Familie von der bald beginnenden Ausrufungszeremonie und lade sie ein dabei zu sein. Doch leider erscheinen sie zur Zeremonie nicht. Ein Wiedersehen gab es dennoch! Zur feierlichen Ausrufung der Schlosseibe als Nationalerbe-Baum waren der Bürgermeister, die Ortsvorsteherin, ein Vertreter des Bundesumweltminesteriums, der Pastor, die Presse und Prof. Dr. Andreas Roloff gekommen, sowie zahlreiche Freunde und Freundinnen der Bäume und ein Chor zur musikalischen Begleitung. Es wurde einfühlsam und kompetent auf die Bedeutung dieses Baumes eingegangen, er wurde gesegnet, die neue Infotafel feierlich enthüllt - alles in allem eine würdevolle Zeremonie. Sichtbar wurde durch sie auch, dass die vielseitige Öffentlichkeitsarbeit der vergangenen Jahre rund um das Thema „Baum“ Früchte zu tragen beginnt. Das schenkt viel Freude und Hoffnung! Abschließend wurden wir zu einem Imbiss ins Schloss eingeladen mit der Möglichkeit des Austauschs. Die Gespräche mit anderen Baumliebhabern, Baumfotographen, Baumpflegern, habe ich sehr genossen und auch dankbar einige der ausgelegten Faltblätter zur Schlosseibe mitgenommen. Als ich wieder vor das Schloss trete, sehe ich die Geschwisterkinder wieder! Ausgestattet mit Handschuhen und einen Müllsack sammeln sie aus eigener Motivation Müll ein. Ich gehe zu ihnen und überreiche dem Jungen ein Faltblatt zur schönen Eibe. Er nimmt es an und breitet seine Arme ganz weit aus, um mich zu umarmen. Diese Umarmung rührt mich fast zu Tränen. Ich denke: Ja die Eibe und dieser Junge, sie lehren mich beide etwas zur Resilienz. Sie zeigen, wie man Schicksalsschläge nicht nur überlebt, sondern zudem an wahrer Schönheit und Strahlkraft gewinnt. Danke allen Wesen für diesen beeindruckenden Nachmittag! Lippstadt, 16.4.2026 Annette Frederking